Archiv für Januar 2010

Diskussionstermin, 02.02.2010: Nach Kopenhagen – Wie der Kapitalismus das Klima verseucht und worum die Staaten sich streiten

Seit einigen Jahrzehnten rechnen Wissenschaftler vor, dass die zunehmende Erderwärmung durch Treibhausgase verheerende Folgen zeitigt und mehr Folgen zeitigen wird. Dürren hier, Überschwemmungen dort, machen das Leben von Abermillionen auf dem Globus auf neue Weise zu einer unsicheren Sache. Als Ursache gilt in der Öffentlichkeit gemeinhin nicht das weltumspannende kapitalistische Wachstum, das die Atmosphäre als kostenlose Müllkippe für seine diversen Emissionen nutzt, sondern “der Mensch”.
Die Staaten, die auf ihrem Standort das Wachstum des Kapitals wollen und befördern, hat das alles nie beeindruckt. Erst eine Bilanz ganz eigener Art hat sie hellhörig gemacht. Der Klimawandel ist womöglich teuer und trägt bis 2050 weltweit riesige finanzielle Verluste ein. Während sich der Mensch die Rolle des Verursachers vorwerfen lassen muss, darf also das Geschäft als prominentes Opfer des Klimawandels aufmarschieren, den es selbst herbeiführt.

Seitdem tobt ein erbitterter Streit in der Staatenwelt um die Frage, wer wem Klimaziele und moderne Technologie wie Windräder und Solarzellen aufherrschen kann, die die eigene Konkurrenzposition am Weltgeschäft nicht schmälern, sondern befördern, auf Kosten der anderen eben. Gleichzeitig betreiben selbsternannte Klimapäpste wie Merkel und Sarkozy eine Energiepolitik, bei der brandgefährliche Atommeiler und gewaltige Dreckschleudern wie neue Braunkohlekraftwerke bequem Platz finden zwischen den ökologischen Windparks.

Ein deutlicher Hinweis darauf, dass unter dem Firmenschild “Klimaschutz” ein etwas anderes Projekt verfolgt wird als die Rettung des blauen Planeten vor den eigenen Emissionen. Die fossilen Energieträger sind nämlich nicht nur immer teurer, sondern durch die neue Weltlage seit dem amerikanischen Antiterrorkrieg endgültig unsicher geworden. Energie ist der universelle Schmierstoff der kapitalistischen Ökonomien und deswegen unter den Staaten ein Streitgegenstand, der sogar das Zeug zum Kriegsgrund hat. Eine weltkrisenfeste nationale Energiebasis muss also her, natürlich im Namen des weltweiten Klimawandels und der betroffenen Menschheit.

Insofern täuscht sich der Protest gegen den Klimagipfel, der der grossen Politik Verantwortungslosigkeit in Klimafragen vorhält und sie so an ihre eigentlichen Pflichten erinnern will. Der Staat erlegt zwar täglich anderen Pflichten auf, vom Autofahrer bis zum Arbeitslosen, steht aber selbst nicht in der Pflicht. Schon gar nicht gegenüber bloss eingebildeten Menschheitszielen auf der politischen Agenda wie dem Klimaschutz.

Wer Interesse hat, über dieses Thema zu diskutieren, ist herzlich eingeladen, sich zu beteiligen oder auch nur zuzuhören. Wir treffen uns wie immer um 20 Uhr im Clubhaus, Wilhelmstr. 30, linker Eingang, 1. Stock.

Vortrag & Diskussion: 60 Jahre Volksrepublik China – Mao und seine Erben auf ihrem langen Marsch zur Weltmacht

China_Buch_Dillmann

Wann: Dienstag, 19.01.2010, 19:00 Uhr (c.t.)

Ort: Universität Tübingen, Hörsaal 2, Neue Aula, Wilhelmstr. 7

Referentin: Dr. Renate Dillmann

Es wird inzwischen viel über China geredet – aber wie? Leitender Gesichtspunkt der China-Berichte in der bürgerlichen Öffentlichkeit ist die Frage, was der Aufstieg dieses Landes für „uns“ bedeutet. Der Eintritt Chinas in den freien Weltmarkt wird begrüßt, und die Öffnung seines Marktes mit 1,3 Milliarden chinesischer Kunden stimmt uns enorm hoffnungsfroh; andererseits droht möglicherweise eine neue „gelbe Gefahr“. Denn dieses Mal tritt China an als kampfstarke wirtschaftliche Konkurrenz, die uns nicht nur mit ihren Dumping-Löhnen Teile des Weltgeschäfts abjagt und unsere Märkte überschwemmt, sondern längst zum organisierten Angriff auf unser Allerheiligstes, das technische Know-how des deutschen „Mittelstands“, geblasen hat. Politisch wiederholt sich die Ambivalenz: Deutschlands politische und ökonomische Elite verspricht sich durchaus einiges von der wieder erstarkten asiatischen Macht und den guten Beziehungen, die sie zu ihr unterhält.

Andererseits registriert man in Berlin ebenso wie in Washington, dass man es mit einer zunehmend selbstbewussten Großmacht zu tun hat, die sich nicht so einfach einordnen und für eigene weltpolitische Interessen benutzen lässt. Bestürzt stellt man fest, dass die chinesische Führung eine Ansammlung „immer noch“ ziemlich „kommunistischer Betonköpfe“ ist, damit befasst, ihrem Volk Demokratie und Menschenrechte und dem Dalai Lama „sein Tibet“ zu verweigern. Von der Öffentlichkeit abgeschottet beschäftigt sie sich mit undurchsichtigen Intrigen und Konkurrenz um die Macht im Land, zu der bisher weder Oppositionelle noch westlich gesponserte NGOs Zutritt bekommen. Dass ihr das bisher ziemlich unangefochten gelingt, nötigt dann umgekehrt fast schon wieder Respekt ab. Es ist also eine ziemlich üble Mischung von Ignoranz, Feindschaft und Begeisterung, die das Urteil der bürgerlichen China-Beobachter kennzeichnet.

Das China-Bild der links-alternativen Öffentlichkeit präsentiert sich keineswegs sachlicher. Es ist auf der einen Seite geprägt von sentimentalen Reminiszenzen an frühere Tage, als man in Mao, die Volkskommunen und die Kulturrevolution eigene Hoffnungen und Wünsche hineinprojiziert hatte. Dem gegenüber stellen sich Linke das heutige China gerne als Ausbund rohester kapitalistischer Verhältnisse vor. Ihre Reportagen und Analysen werden in vielen Fällen von Millionen hungernder Wanderarbeiter bevölkert – fast so, als wäre man in seiner Kapitalismuskritik entwaffnet, wenn es auch in China nach 30 Jahren Marktwirtschaft schon etwas gesitteter zuginge, und als gäbe es an Chinas langem Marsch in den Kapitalismus nicht mehr zu erklären. Oder man gehört zu der Minderheit von China-Interessierten, die einfach stur bleibt und der Kommunistischen Partei und ihren Interpretationen Glauben schenkt, denen zufolge sich das Land noch immer auf dem Weg zum Sozialismus befindet – nur dass dieser etwas länger ausfällt als angenommen und kleine kapitalistische Umwege zur Erhöhung der gesellschaftlichen Produktivkraft einschließt.

Das Buch stellt sich quer zu den Urteilen der bürgerlichen China-Beobachter und auch zum China-Bild der links-alternativen Öffentlichkeit. Es kritisiert den Sozialismus Mao Zedongs, ohne Partei zu ergreifen für Chinas Übergang zur Marktwirtschaft. Es verfolgt den Aufstieg eines Entwicklungslandes zur kapitalistischen Großmacht, ohne den Fortschritt dieser Nation mit dem Wohlergehen der chinesischen Bevölkerung zu verwechseln. Es konstatiert den Erfolg des modernen China und die Eindämmungsbemühungen der etablierten Weltmächte, ohne in der Auseinandersetzung, die längst begonnen hat, Symphatien für eine der Seiten zu bekunden.

Natürlich besteht nach und während dem Vortrag die Möglichkeit zur Diskussion. Alle Arten von Fragen bitte über das Kontaktformular.

Der selbe Veranstaltung findet auch in anderen Städten statt:

  • Karlsruhe: 20.01, 19:00 Uhr, Planwirtschaft, Werderstr. 28
  • Stuttgart: Donnerstag, 21.01, 19:30 Uhr, Altes Feuerwehrhaus Süd, Möhringer Str. 56

In der „jungen Welt“ gab es bereits eine Rezension zu dem Buch, sowie einen Artikel von der Referentin selbst zum Thema „Großmacht China?“.

Hurra, hurra – das neue Jahr! Versus Nr. 33 erschienen

Spiegel

„Hurra, wir leben noch …“ – Der Spiegel nimmt wieder mal kein‘ Blatt vor den Mund und verkündet ganz unverschämt die Freude über das Weiterbestehen deutscher Normalzustände und anderer Gräßlichkeiten. Da sind ein paar Klarstellungen angebracht. In der aktuellen, 33. Ausgabe von „Versus“ [pdf], unserer studentischen Zeitung, sind deshalb folgende Texte zu finden:

  • Stichwörter zum Bildungsstreik: Sozialer Numerus Clausus und Chancengleichheit
  • ‚Biete türkisch-arabische Unterschicht – suche osteuropäische Juden‘: Thilo Sarrazin baut an einer nachhaltigen Gesellschaft für den deutschen Staat
  • Robert Enke: Ein privater Tod, der betroffen macht
  • „Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger“ (OECD) – Geld oder Leben: Schlaglichter auf das marktwirtschaftliche Verhältnis von Ökonomie und Versorgung