Jour Fixe XXVIII, 31.03.09: Zu den Demos zur Finanzkrise – Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht!

Demo_Kapitalismus_abschaffen

Tatsächlich bezahlt ihr längst! Und die Demonstrationsaufrufe benennen das auch: Wenn die Märkte einbrechen, wenn in Industrie und Handel die Geschäfte schrumpfen, dann wenden die Unternehmen Schaden von ihren Bilanzen ab, indem sie ihn an ihre Arbeitskräfte weitergeben: Sie entlassen, verordnen Kurzarbeit, senken Löhne. Sie passen ihre Kosten an die verminderten Geschäftsgelegenheiten an und verteidigen ihre Gewinne. An dieser Front findet der Kampf darum statt, wer in welchem Maß Opfer zu bringen hat dafür, dass das Wachstum wieder in Gang kommt und die ganze kapitalistische Scheiße von vorne losgeht. Wer sich die Rolle als flexibler Kostenfaktor nicht mehr gefallen lassen will; wer es satt hat, in Zeiten der Konjunktur mit flexibler Arbeitsbereitschaft für das Wachstum der Profite bereit zu stehen und in der Phase der Schrumpfung die Firmenbilanzen durch Lohnverzicht zu sanieren, der kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum. Die Aufrufe zu dieser Demonstration schimpfen kräftig auf den Kapitalismus und fordern „ein anderes Wirtschafssystem, das Mensch und Natur dient“ – aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den finden sie nicht für nötig.

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Zeit für Systemwechsel“ schreibt der gemeinsame Aufruf. Ein merkwürdiger Systemwechsel ist das, der all die Figuren gleich wieder mit an Bord nimmt, die in der schlechten alten Gesellschaft das Sagen haben und deren Profitmacherei all die aufgezählten Übel von der Armut in Europa und in der Welt bis hin zum Klimawandel verursacht.

  • Die Millionäre zum Beispiel. Sie bleiben Millionäre: Schließlich will man ihnen eine Millionärssteuer aufbrummen, um die staatlichen Unkosten der Bankenrettung zu mindern.
  • Die Banken müssen natürlich gerettet werden! Auch sie sind in der „solidarischen Gesellschaft“ unverzichtbar. Nur gesunde Banken können der Wirtschaft Kapitalvorschuss auf Kredit spendieren – und Kapital braucht die arbeitende Bevölkerung ja wohl so nötig wie das tägliche Brot, oder? Und das Vermögen der Banken wird vom Volk auch noch gebraucht – denn nur reiche Banken können den vom Demo-Aufruf geforderten Fonds auflegen, mit dem sie sich selber aus ihrer Pleite herauskaufen und dem Volk Kosten für die unverzichtbare „Sanierung des Finanzsektors“ ersparen.
  • Und die Wirtschaftskapitäne aus der „Realwirtschaft“ – die braucht ihr natürlich auch in der neuen Gesellschaft: Wer sonst könnte den Kredit der Banken verwenden und neben dem eigenen Profit noch den Zins für die Banken aus der Arbeit herauswirtschaften. Nur Ausbeutung kann die Arbeitsplätze schaffen, die das Volk braucht! Die muss wieder in Gang kommen. Denn für die kapitalismuskritischen Aufrufe scheint das Übel des Kapitalismus nicht darin zu bestehen, dass es in diesem System Lebensunterhalt für Arbeiter nur gibt, wenn ihre Arbeit Profit abwirft. Sondern darin, dass der Kapitalismus gegenwärtig mal nicht gescheit funktioniert.

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Nicht nur die Reichen und Mächtigen, auch die Armen und Abhängigen treten in der „solidarischen Gesellschaft“ wieder in ihren alten Rollen auf: Wozu fordert man wohl einen „Sozialen Schutzschirm“, wenn man nicht davon ausgeht, dass es weiterhin ohnmächtige und schutzbedürftige Sozialfälle geben wird:

  • einen Mindestlohn für die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Den Sektor soll es offenbar noch länger geben – da haben die Aufruf-Autoren es dann schon nötig, sich von der SPD-Definition des für arme Arbeiter Zumutbaren mit einem ‚aber bitte armutsfest’ abzugrenzen.
  • eine „existenzsichernde“ Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für die Langzeitarbeitslosen, die auch nicht weniger werden – mitsamt ihrer ewig unsicheren Existenz;
  • Sozialrente mit 65 statt mit 67 für die Alten, die in der Krise sowieso vor Erreichen der Altersgrenze aus den Betrieben gedrängt werden.

Geht’s noch bescheidener? Aber was soll man schon erwarten von einem Demonstrationsaufruf, der die „Menschen vor Profite“ setzen, also die Rangordnung der beiden hohen Güter korrigieren will? Profit soll schon sein, aber der Mensch darf darüber nicht vergessen werden! Mensch und Profit sollen koexistieren können, so ist es doch gemeint? Wie passt das dazu, dass Profit von vornherein auf Kosten der arbeitenden Menschen geht? Dass er gar nichts anders ist, als was der Kapitalist aus seinen Arbeitskräften herausholt?
Sieht so die „andere Welt“ aus? Ist das das „neue Wirtschaftssystem“, für das ihr demonstrieren geht?

*

Nein, liest man, mit Mindestlohn, existenzsichernder Sozialhilfe, Rente mit 65 etc. ist die „solidarische Gesellschaft“ noch nicht fertig. Das alles sind nur „Sofortmaßnahmen“, „erste Schritte“ – aber Schritte wohin? Die Demo-Aufrufe zählen viele Übel auf, die das kapitalistische Wirtschaften bei der Klasse der Lohnabhängigen verursacht, aber sie wenden sich nicht gegen das Kapital, sondern an den Staat, der dem Schaden Grenzen ziehen soll. Also an genau die Adresse, die mit ihrer politischen Macht durch die Garantie des Privateigentums die Wirtschaftsmacht des Kapitals in die Welt setzt, absichert und betreut. Eine sozialere Politik soll die Schäden korrigieren, die die Wirtschaft verursacht. Im Fordern nach Schadensbegrenzung werden all die ökonomischen Prinzipien, die im Kapitalismus herrschen, und all die sozialen Rollen, die er hervorbringt, vorausgesetzt und anerkannt. Das ist nicht ein erster Schritt zur Abschaffung des Kapitalismus, es ist der Ruf nach sozialer Politik, der diese Ausbeutungsökonomie begleitet, solange es sie gibt.

*

Wer nicht weiterhin zum Opfer von Krise und Krisenbewältigung gemacht werden will, wer in einem neuen Aufschwung nicht wieder Mittel des Profits sein will – der hat anderes zu tun, als mit einer Demonstration gesellschaftlichen Druck für einen sozialen Politikwechsel in Berlin aufzubauen.

Ihr wollt nicht zahlen für die Krise des Kapitals? Dann verweigert euer Mitmachen! Aber feilscht nicht mit der Regierung um Preisnachlässe bei der Bezahlung der Krisenlasten.

Wer mit uns über dieses Flugblatt, über die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie darüber diskutieren möchte, warum die Kritik am Kapitalismus als „neoliberaler Turbokapitalismus!“ theoretisch und praktisch nichts taugt, laden wir zu unserem nächsten öffentlichen Diskussionstermin ein. Wir treffen uns um 20 Uhr im Clubhaus, Wilhelmstr. 30, linker Eingang, 1. Stock.

(Das Flugblatt als pdf)


27 Antworten auf “Jour Fixe XXVIII, 31.03.09: Zu den Demos zur Finanzkrise – Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht!”


  1. 1 Neoprene 27. März 2009 um 12:53 Uhr

    Die PDF-Version eures Flugblattes hat bei mir eine Macke und läßt sich nicht öffnen.

  2. 2 Versus 27. März 2009 um 13:21 Uhr

    Danke für den Hinweis. Weiß zwar nicht genau, woran es lag, aber jetzt geht’s auf jeden Fall.

  3. 3 Neoprene 27. März 2009 um 22:40 Uhr

    Danke, so druckt sich gleich besser aus!
    Noch ein kleiner Kritik-Nachklapp: Wenn ihr schon Werbung für das neue GegenStandpunkt Heft macht, warum habt ihr dann den schlechten Scan nicht wenigstens per OCR weiterverarbeitet, wenn ihr euch schon nicht das Original von der Redaktion besorgen wolltet?

  4. 4 lahmacun 28. März 2009 um 0:42 Uhr

    Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht! Tatsächlich bezahlt ihr längst!

    zahlt der verfasser des textes denn nicht? versetzt bei ihm der wille berge?

  5. 5 Versus 28. März 2009 um 12:13 Uhr

    @ Neo: Weiß leider nicht, wie das mit dem OCR geht. Hast du einen Linktipp, wo man sich das erklären lassen kann?

    @ lahma: Der Verfasser des Textes ist doch gar nicht das
    Thema. Ganz unabhängig davon, was mit dem Verfasser so los ist, richtet sich der Text an die Leute, die nicht zahlen wollen – insbesondere die Demonstranten in Frankfurt – mit dem Vorschlag, es mal auch „tatsächlich“ sein zu lassen. Und die Kritik an diesen Leuten ist nicht, dass sie ohnmächtige Würstchen sind, deren Wille keine Berge versetzen kann, sondern dass in der „besseren Welt“, die sie sich vorstellen, der Schaden für die meisten Leute, also das Bezahlen für die Abenteuer des Kapitals, immer noch drin ist. Oder hab ich dich falsch verstanden, mit deiner Anmerkung?

  6. 6 lahmacun 28. März 2009 um 13:47 Uhr

    mit dem Vorschlag, es mal auch „tatsächlich“ sein zu lassen

    ja, wie denn?! ich sehe grad nicht, dass sich derzeit tatsachen schaffen ließen. und ich selber kann das noch so wollen – das nützt mir doch nichts! das ist doch idealistisches geschwätz!

    Und die Kritik an diesen Leuten ist nicht, dass sie ohnmächtige Würstchen sind, deren Wille keine Berge versetzen kann

    das sind sie aber. sie sind ohnmächtig – da muss man sich nur mal die derzeitigen verhältnisse anschauen. sie wären es auch, wenn sie alle brav den willen hätten, das mit dem zahlen ganz zu lassen. es steht derzeit einfach nicht in ihrer macht, das zu entscheiden.

    und auch der verfasser des textes kann noch so nen starken willen haben, nicht zu zahlen – er zahlt! weil der wille eben nicht berge versetzt!

    sondern dass in der „besseren Welt“, die sie sich vorstellen, der Schaden für die meisten Leute, also das Bezahlen für die Abenteuer des Kapitals, immer noch drin ist

    - ist mir egal, was die sagen. selbstverständlich sagen die v.a. falsches. darum geht es mir aber nicht. mir geht es um den idealistischen anklang in obenstehender kritik.

    Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht! Tatsächlich bezahlt ihr längst!

    wollen alleine nützt nichts. da scheissen staat und kapital drauf.

  7. 7 edding 3000 28. März 2009 um 15:45 Uhr

    lahmacun hat also nicht vor etwas am Inhalt des Willens dieser Leute zu kritisieren. Dabei stimmt es doch völlig: mit dem Zeug, dass die Protestierer anmahnen, kriegen sie den Schaden den sie beklagen nicht aus der Welt. Dafür müssten sie sich einen anderen Willen zulegen. Aber wehe man versucht das zu vermitteln! Das interessiert lahmacun nämlich gar nicht, die hat nämlich in die Kristallkugel geschaut und weiss deshalb „alles egal“!

  8. 8 ach gott 28. März 2009 um 16:14 Uhr

    @edding Es stimmt doch nicht, was du da erzählst. Von einem anderen Willen, den man sich zulegen muss ist in dem Text nicht die Rede, sondern von einer anderen Praxis, die man üben soll. Die Adressaten dieses Vorschlags können diese Praxis aber überhaupt nicht üben, ohne sich zu schaden, weil sie nun mal nicht in der Position sind über die gesellschaftlichen Verhältnisse entscheiden zu können. Gegen die Empfehlung eines anderen Willensinhaltes wäre nichts einzuwenden. In der Überschrift spricht der Text eine Empfehlung aus, der man schlicht und ergreifend nicht folgen kann.

  9. 9 Versus 28. März 2009 um 16:41 Uhr

    @ lahma:

    Den idealistischen Anklang liest du in den Text rein. Da steht z.B.:

    Wer sich die Rolle als flexibler Kostenfaktor nicht mehr gefallen lassen will; wer es satt hat, in Zeiten der Konjunktur mit flexibler Arbeitsbereitschaft für das Wachstum der Profite bereit zu stehen und in der Phase der Schrumpfung die Firmenbilanzen durch Lohnverzicht zu sanieren, der kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum. Die Aufrufe zu dieser Demonstration schimpfen kräftig auf den Kapitalismus und fordern „ein anderes Wirtschafssystem, das Mensch und Natur dient“ – aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den finden sie nicht für nötig.

    Soll heißen: wer nicht ständig für die Krisen des Kapitals zahlen will – der soll sich um eine Gesellschaft bemühen, in der dieses Bezahlen nicht schon fest in seiner Rolle als Lohnarbeiter und Volksgenosse einprogrammiert ist.

    Dass die Frankfurter Demonstranten DAS gar nicht vorhaben, ist ihr Fehler, der im Text kritisiert wird. Die leisten sich den Widerspruch, die Klassengesellschaft ohne ihre schlimmen Auswirkungen behalten zu wollen.

    Und du siehst grade wirklich nicht, wie sich die Tatsache „vernünftige Gesellschaft“ schaffen lässt? – Genügend Leuten erklären, dass sie mit dieser Gesellschaft schlecht fahren und wie sie es besser machen können. Wenn die Leute, die auf die Demo gehen, das mal täten, wäre man schon ein gutes Stück weiter.

    Edit: Und ja, zugegeben: in der Überschrift

    Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals zahlen? Dann tut es auch nicht!

    steht tatsächlich nicht der ganze Inhalt des Textes drin. Das ist normalerweise so – dass du dich daran so aufhängst … Wie man sich die Bezahlung sparen könnte, wird ja im folgenden Text angedeutet.

  10. 10 lahmacun 28. März 2009 um 17:07 Uhr

    Dass die Frankfurter Demonstranten DAS gar nicht vorhaben, ist ihr Fehler, der im Text kritisiert wird.

    schon klar – und diese kritik ist richtig und wichtig. das ist alles gar nicht mein problem.

    ach gott hat mich verstanden. der rest dichtet was daher, von wegen „kristallkugel“ und ich möchte ne falsche kapitalismuskritik nicht kritisieren.

    der kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum

    wie? – geistig: bitte. praktisch? – blödsinn! soll ich verhungern?! da scheint er wieder durch, der idealistische blödsinn. als könnte ich kommunismus spielen im kapitalismus. ich kann meine rolle als lohnarbeiterin eben NICHT kündigen, das ist ja der witz an der sache! oder wie soll das funktionieren? erkläre mir das mal, damit ich das dann gleich mal umsetzen kann.

  11. 11 edding 3000 28. März 2009 um 17:39 Uhr

    @ach leibhaftiger

    Quatsch, der Text macht nichts anderes als den Demonstranten ihr falsches Bewusstsein der Krise vorzurechnen, kritisiert dabei auch deren Willen, sich dem Staat zum Abwenden und Bereinigen der „Probleme“ zuzuwenden, statt ihm und der Ökonomie die Gefolgschaft aufzukündigen, weil eben genau das der Weg wäre das was sie als Übel ausgemacht haben wegzukriegen. Was machen die Demonstranten stattdessen? Die vom Staat beleidigte Leberwurst spielen und den Schädiger zur Ordnung rufen. Zu dieser falschen Theorie hat der Text jedenfalls nicht bloss mal „eine andere Praxis“ empfohlen, sondern eben dargelegt was aus einer stimmigen Kritik dieser Verhältnisse praktisch folgen müsste: das (kritische) Mitmachen bei Geschäft und Gewalt sein lassen.

  12. 12 edding 3000 28. März 2009 um 17:44 Uhr

    P.S. Komisch, dass einige hier das „nicht zahlen“ wörtlicher nehmen als offensichtlich die Demonstranten selbst. Dass der Laden z.B. nicht durch spontanes Steuerhinterziehen und Zeche prellen zu kippen ist dürfte den Verfassern der Kritik ebenso klar sein wie euch…

  13. 13 Neoprene 28. März 2009 um 19:49 Uhr

    zu lahmacuns „a, wie denn?! ich sehe grad nicht, dass sich derzeit tatsachen schaffen ließen. und ich selber kann das noch so wollen – das nützt mir doch nichts! das ist doch idealistisches geschwätz! … sie sind ohnmächtig – da muss man sich nur mal die derzeitigen verhältnisse anschauen. sie wären es auch, wenn sie alle brav den willen hätten, das mit dem zahlen ganz zu lassen. es steht derzeit einfach nicht in ihrer macht, das zu entscheiden“.

    Es heißt den Text allzu wörtlich nehmen, oder eigentlich, ihn fehl zu interpretieren, wenn du da rausliest, der würde den Lesern einen individuellen Ausweg weisen. Als wenn es nur individuelles Selbstbewußtsein und Willenskraft bräuchte, damit der Ausstieg machbar wäre. Das heißt aber, einen billigen Pappkameraden umhauen, denn soviel ist doch schon jedem x-beliebigen Sozialisten klar, daß man erst mal Leute zu einer korrekten Einsicht bringen muß, damit dann möglichst viele etwas tun, was dem auch entspricht (um das jetzt erst mal ganz besonders vage zu halten). Denn ohnmächtig sind die vielen doch nur in ihrer Vereinzelung in der Konkurrenz. Wenn sie hinreichend viele sind, z.B. in einem Betrieb, Konzern, einer Stadt, einem Staat, die diesen Konkurrenzerfordernisen zumindest ansatzweise, zeitweise fallen lassen, dann können sie schon ihre Macht, nämlich durch ihre Arbeit die ganze Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen zu halten, in Anschlag bringen, indem sie den sprichwörtlichen Schraubenschlüssel ins Getriebe werfen. Das muß dann wirklich nicht der von Linken so hochgeschätzte und immer wieder auf die Flugblätter gesetzte Generalstreik sein, selbst eine relativ kleine Gruppierung wie die GDL hat das doch erst vor kurzem recht eindrucksvoll demonstriert.
    Und was los wäre, wenn wirklich „alle brav den willen hätten, das mit dem zahlen ganz zu lassen“, das ist nun wirklich nicht schwer auszudenken.

  14. 14 ach gott 28. März 2009 um 20:36 Uhr

    Komisch, dass einige hier das „nicht zahlen“ wörtlicher nehmen als offensichtlich die Demonstranten selbst. Dass der Laden z.B. nicht durch spontanes Steuerhinterziehen und Zeche prellen zu kippen ist dürfte den Verfassern der Kritik ebenso klar sein wie euch…

    Wenn das den Verfassern klar ist, warum schreiben sie dann so einen Quatsch? Worin bereichert dieses Stilelement des missverständlichen Ausdrucks denn den Text?
    Was wollen die Autoren damit erreichen, dass sie eine bezweckte Änderung des Willens als der Leute als Handlung („nicht mehr zahlen“) ausdrücken, die ernst genommen völliger Unsinn ist?

  15. 15 lahmacun 28. März 2009 um 20:57 Uhr

    die überschrift wäre so passender: „ihr wollt nicht zahlen? dann fordert das nicht! das tut ihr aber!“

  16. 16 bla 29. März 2009 um 14:47 Uhr

    Warum tun sich ach gott und lahma eigentlich so schwer mit dem Gedanken, dass der Aufmacher Dann tut es auch nicht! schlicht für folgenden Inhalt steht: Wenn ihr, liebe Demonstranten, all die Ärgernisse der sozialen Marktwirtschaft, die ihr in eurem Flugblatt aufzählt, beseitigen wollt, ist etwas Anderes fällig als Verbesserungsvorschläge an die Bundesregierung in Sachen Krisenbewältigung. In einem jour fixe wurde das mal so gesagt:

    Wer ist denn schuld daran, dass dieses System so funktioniert? Arbeiter ohne Bewegung – vielleicht ist das mal eine Idee, die Menschen anzureden. Wer ist schuld an der Finanzkrise? Die, die sie sich nicht bloß täglich gefallen lassen, sondern die mit ihrer redlich abgelieferten Arbeit auch noch alle Instanzen dazu befähigen, sie zu machen. Da ist der harte Gedanke: Merkt ihr eigentlich, was ihr Zeit eures Lebens macht? Ihr seid nichts anderes mit eurer arbeitsamen Passivität als die Figuren, die Ackermanns Job vergolden.
    […]
    Wenn man sagt: „Du bist schuld, du lässt dich auf deine Lebensbedingungen ein und exekutierst sie laufend. Die anderen könnten dir das nicht servieren, wenn du es nicht mitmachen würdest. Zum Unterdrücken gehören zwei“, dann ist das Du natürlich ein ziemlich kollektives. Es ist keine moralische Ansprache an den Einzelnen, sondern die Agitation für eine kommunistische Partei. Wenn man sagt, es ist ein Fehler, sich alles diktieren zu lassen, dann ist das bloß die höfliche Ausdrucksweise für das gerade etwas zugespitzt Gesagte.

    Dieser Gedanke ist dann übrigens auch ganz weit weg vom Wälzen einer Ohnmachtsfrage, schließlich zielt er gerade auf den Grund der Ohnmacht und seine Beseitigung.

  17. 17 lahmacun 29. März 2009 um 15:32 Uhr

    ich hatte noch was geschrieben, aber das ist am spam gelandet. ich hätte einen anderen titel für besser gehalten.

  18. 18 bla 29. März 2009 um 15:41 Uhr

    Ach! Und warum?
    (Ich befürchte, dass das keine Geschmacksfrage ist.)

  19. 19 lahmacun 29. März 2009 um 16:48 Uhr

    weil dann – nicht bei manchen – der eindruck nicht erweckt werden würde, der wille könne berge versetzen. (ich will damit nicht bestreiten, dass der wille vorausetzung ist.) der titel hat nen anderen inhalt als der text (bis auf den blödsinn im text, man könne seine rolle als arbeitskraft kündigen); das ist halt ungenau formuliert und provoziert missverständnisse. auch das nicht weiter bestimmte „kündigen“. das macht es dann notwendig, hinterher zu schieben, dass das „du“ ein kollektives ist. mit der anmerkung versehen, liest sich das in der tat schon ganz anders. man kann sowas aber besser formulieren, oder gleich in den text mitreinbringen, dann musst du hier nicht noch auf andere sachen verweisen, um missverständnisse auszuräumen. (ausgeräumt isses jetzt aber.)

    „ihr wollt nicht für die krise des kapitals zahlen? dann fordert das auch nicht!“

    ^^ vllt so.

  20. 20 ach gott 29. März 2009 um 22:33 Uhr

    Die Sequenz mit der Schuldfrage ist einfach nur bescheuert. Auf das Problem die Schuldfrage unmoralisch stellen zu wollen kommt man erstens nicht mit dem Interesse die Welt zu erklären und zweitens will man damit die Moral der Leute dafür funktionalisieren, den eigenen Standpunkt zu teilen. Ihre Moral, die Schuldfragen, die sie wälzen, soll sie zwingen das GSP Zeug zu teilen, weil sie nicht Schuld an der Krise oder was weiß ich sein wollen. Abzulehnen ist gleichfalls den Umstand, dass irgendwer Ackermanns Job vergoldet für einen Einwand gegen das eigene Dasein als Lohnarbeiter zuuu halten. Der GSP schwätzt die Neidparolen der Proleten nach, und meint er hätte damit ein klasse Argument dafür gefunden, warum man sein Zeug teilen soll.

    Mag ja sein, dass das, was diese Leute von sich geben für dich sowas wie ein Gesetz ist, für das man überhaupt kein Argument mehr hinschreiben muss. Ich kann es nur als das Kennzeichnen, was es ist: Instumentell und falsch.

    Warum tun sich ach gott und lahma eigentlich so schwer mit dem Gedanken, dass der Aufmacher Dann tut es auch nicht! schlicht für folgenden Inhalt steht: Wenn ihr, liebe Demonstranten, all die Ärgernisse der sozialen Marktwirtschaft, die ihr in eurem Flugblatt aufzählt, beseitigen wollt, ist etwas Anderes fällig als Verbesserungsvorschläge an die Bundesregierung in Sachen Krisenbewältigung. In einem jour fixe wurde das mal so gesagt:

    Ganz einfach, weil der Gedanke nicht dasteht, sondern ein anderer: Man soll die Kosten der Krise nicht zahlen, seine Rolle als Ware Arbeitskraft kündigen.

    Gegenfrage: Warum kann der GSP nicht die Gedanken hinschreiben, die er meint?

  21. 21 Versus 30. März 2009 um 1:57 Uhr

    @ach gott:

    Wieso ist „Man soll die Kosten der Krise nicht zahlen, seine Rolle als Ware Arbeitskraft kündigen“ für dich denn unbedingt ein anderer Gedanke als „Klassengesellschaft abschaffen“?

  22. 22 MPunkt 30. März 2009 um 7:14 Uhr

    […] hinterher zu schieben, dass das „du“ ein kollektives ist

    Es ist ja schon kein „Du“, sondern ein „Ihr“, also an die Demonstration als Gesamtheit (plus die Leute, die den Gedanken genauso drauf haben, aber nicht demonstrieren gehen) gerichtet. Und die sollen übrigens weder individuell noch kollektiv ihren Job kündigen und sich im nächsten Jobcenter melden, sondern da steht in der „idealistischen“ Passage auch schon ne andere Kritik: „aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den finden sie nicht für nötig“. Soooooo missverständlich ist das also gar nicht. Dass es sich trotzdem missverstehen lässt … nunja, offensichtlich ist es so.

  23. 23 lahmacun 30. März 2009 um 8:31 Uhr

    dass das system nur funktioniert, weil die menschen mitmachen, ist nicht falsch. bzgl der schuldfrage: da ging es zuerst um Sie sehen sich ja auch nicht als Opfer des Systems, sondern von Fehlleistungen irgendwelcher Schuldigen. von daher wurde das aufgegriffen. ob es sinnvoll ist, das so aufzugreifen, weiß ich nicht. der dahinterstehende gedanke, den menschen mal klarzumachen, dass das system auf sie angewiesen ist, ist es nicht.

    ich zweifle aber daran, dass „blödheit“ die richtige erklärung ist:

    Die heute in den Zeitungen stehenden Frechheiten hätten sie sich in den 70er Jahren nicht getraut, als das Wort Kapitalismus noch geächtet worden ist und Profit fast ein Schimpfwort war. Offenbar gehen die Konjunkturen des Finanzkapitals mit der Blödheit Hand in Hand.

    die menschen sind nicht einfach nur „blöd“. und das wort kapitalismus wurde damals u.a. noch geächtet (eigentlich: nicht verwendet; verwendet wurde marktwirtschaft; den begriff kapitalismus haben eigentlich nur sozialisten und kommunisten verwendet), weil es die systemkonkurrenz noch gab. vor 1989 war die situation eine andere. dann hat der kapitalismus „gesiegt“ und seitdem ist er „alternativlos“. das ist doch ne ganz andere situation!

    Man muss sich klarmachen, mit welcher hermetischen Volksmoral man es zu tun hat und auf welche Einstellungen im Volk die Agitation von oben offenbar setzen kann.

    man muss sich aber auch klarmachen, woher diese volksmoral kommt – bürgerl. wissenschaft, medien, politik. das, auf was da aufgesetzt wird, wird ja zuerst geschaffen. man wird ja von kleinauf zugerichtet. das ist nicht nur einfach eine blöde haltung der „menschheit“.
    „blöd“ ist ein untauglicher begriff – zumindest wenn nicht ausgeführt wird, was das denn sein soll und woher das überhaupt kommt.

    ***

    versus, das scheint wohl ein chiffre zu sein?

  24. 24 Neoprene 30. März 2009 um 11:27 Uhr

    Zu Blödheit der Leute:

    Es ist eigentlich gar keine Zurückweisung der zitierten Nebenbemerkung vom Jour Fix, wenn man wie lahmacun sagt, daß die Leute nicht „einfach nur blöd“ seien. Zudem man ja auch nicht dagegenhalten kann, daß das duchgesetzte Mitmachertum in Taten und Gedanken den Leuten, die es leider heute genauso an den Tag legen wie in den 70ern, so fürchterlich gut getan hätte bzw. jetzt gut tun würde. Daß jeder da seine „guten Gründe“ zu haben meint, das weiß ich auch. Es sind meiner Auffassung nach nur gar keine.

    Es heißt geradezu Eulen nach Athen tragen, in Richtung GSP anzumahnen, die sollten mal „klarmachen, woher diese volksmoral kommt – bürgerl. wissenschaft, medien, politik.“ Da gibt regelmäßig einen Berg von Ausarbeitungen in Wort und Schrift, gerade jetzt zur Finanzkrise schon über mehrere Hefte und reihenweise Veranstaltungen weg. Das sollte man nicht übersehen, wenn man so einen verärgerten Kurzkommentar wie hier zitiert.

  25. 25 Versus 30. März 2009 um 13:22 Uhr

    @ lahma: Nö, s‘ist kein Chiffre. Aber ein Chiffre für „Job kündigen und verhungern“ oder „Mit nem Fingerschnipsen Berge bewegen“ eben auch nicht.

    Der Titel des Textes knüpft an den Slogan an, unter dem die ganze Demo gelaufen ist: „Wir zahlen nicht für eure Krise.“ Und da fügt der Titel hinzu: „Na dann macht’s auch nicht“ – was impliziert, dass die derzeitigen Aktionen und Forderung der Demonstranten das nicht erreichen.

    Mehr steht im Titel nicht drin. Und auch im restlichen Text wird an keiner Stelle zu Steuerhinterziehung, Schwarzfahren, Sich-arbeitslos-Melden o.ä. aufgerufen. Stattdessen dazu, die schlechte Kritik sein zu lassen und „den Kampf um die Abschaffung des Kapitals“ anzufangen. Jetzt kann man natürlich so tun, als hätte man den restlichen Text nicht gelesen, und die Überschrift entgegen ihrem gar nicht so mysteriösen Sinn interpretieren – aber das ist doch kein Kreativitätswettbewerb hier :) Wie es gemeint ist, steht im Text. Siehe auch MPunkt.

  26. 26 lahmacun 30. März 2009 um 13:47 Uhr

    „Das sollte man nicht übersehen, wenn man so einen verärgerten Kurzkommentar wie hier zitiert.“

    und vorher sollte ich die ausführungen, die bla gepostet hat, nicht übersehen. am besten gleich die passenden links mit auf so ein flugblatt setzen.

    „Soooooo missverständlich ist das also gar nicht.“

    aber ein bisschen schon, gell mpunkt? :P

  27. 27 bla 30. März 2009 um 18:20 Uhr

    lahmacun, missverstehen kann man die Überschrift nur, wenn man von Anfang an aus den ziemlich einfachen Schlüssen des Flugblatts die linke Fragerei nach Spielräumen und Ohnmacht drechselt.
    Als Interpretationshilfe hab ich daher das JF zitiert; verstehen was gemeint ist kann man allerdings auch ohne irgendeine Art von Lesehilfe.

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